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Geschichte, Verfall und Restaurierung des
 Empfangsgebäudes des Halberstädter Hauptbahnhofs

Empfangsgebäude Halberstadt Hbf 1850Am Sonntag den 15. August 2010 wurde das restaurierte Empfangsgebäude des Halberstädter Hauptbahnhofs der Öffentlichkeit übergeben.

Erstmals wurde am 02. November 1839 über den Bau einer Eisenbahnlinie von Magdeburg nach Halberstadt diskutiert. Am 21. März 1842 war es dann soweit. An der Schützenstraße in Halberstadt wurde der  erste Spatenstich zum Bau eines Kopfbahnhofes gemacht. Unmittelbar vor der Stadtmauer im Osten Halberstadts sollte der Bahnhof als Endstation der Strecke entstehen.

Hinter seinem Portal beherbergte der Bahnhof zunächst 8 Gleise. Am 01.  Juli 1843, nach nur 14 monatiger Bauzeit fuhr gegen 10 Uhr der erste  Güterzug, aus Magdeburg kommend, in den Halberstädter Bahnhof ein. 14 Tage später, am 15. Juli 1843 wurde dann der Bahnhof feierlich eröffnet. Am nachfolgenden Tag wurde der Planverkehr mit täglich zwei Zugpaaren aufgenommen. Am 02 Januar 1844 wurde dann auch ein planmäßiger  Güterverkehr von Magdeburg über Oschersleben nach Halberstadt  aufgenommen.

1855 plante man bereits den Ausbau der Strecke, der neu gegründete Magdeburg-Halberstädter Eisenbahn- Gesellschaft (MHE), zu der am 26. November 1860 die Konzession zum Bau der Strecke über Quedlinburg nach Thale erteilt wurde. Am 18. April 1860 wurde mit dem Bau der Strecke begonnen. Mit der Lok “Falkenstein” verließ am 2. Juni 1864 der erste Zug Halberstadt in Richtung Thale. 1864 folgte die  Konzessionserteilung für die Strecke über Wegeleben und Aschersleben nach Bernburg. Zeitgleich entstanden die ersten Pläne zum Ausbau der Strecke in Richtung Westen nach Vienenburg. Durch das stetig steigende  Verkehrsaufkommen im Personen und Güterverkehr wurde schon bald der Bahnhof an die Grenzen seiner Belastbarkeit geführt. Ende 1865 lagen erste Pläne zum Bau eines Durchgangsbahnhofs vor, der außerhalb der  Stadt auf der Gemarkung des Örtchens Wehrstedt entstehen sollte. Diese  Pläne stießen jedoch zunächst bei den Halberstädter Bürgern auf  Widerstand, doch die MHE konnte sich durchsetzen. Am 01. August 1868  wurde der neue Bahnhof Halberstadt, am heutigen Standort, eröffnet. Auf  dem Gelände des ersten Bahnhofs wurde eine umfangreiche  Expressgutabfertigung errichtet. Von dem ehemaligen Bahnhofsgebäude blieb nichts übrig.

Empfangsgebäude Halberstadt Hbf 1900    Empfangsgebäude Halberstadt Hbf 1904

Empfangsgebäude Halberstadt Hbf 1910    Empfangsgebäude Halberstadt Hbf 1914

Güterabfertigung mit Portal des alten Bahnhof Halberstadt 1925

Nachdem die Strecke nach Vienenburg eröffnet wurde entwickelte sich der Bahnhof zum wichtigsten Kontenpunkt am Rande des Harzes. Besonders in  der Blühtezeit der 1920er Jahre entwickelte sich der Bahnhof rasant.  1939 hatte der Bahnhof eine stattliche Ausdehnung mit einer Länge von über 4,8 km. Neben den Bahnsteiggleisen erhielt der Bahnhof 2 Betriebswerke für Lokomotiven, ein Ausbesserungswerk, eine umfangreiche Expressgutabfertigung, umfangreiche Güterzugbehandlungsanlagen sowie  zahlreiche Anschlussgleise zu Industrieunternehmen wie z.B. die Gaswerke, Zuckerfabrik und dem Flugzeugbauer Junkers.

Gleisplan Halberstadt 1950

Gleisplan Halberstadt 1981

Kurz vor Ende des zweiten Weltkrieges erlebte der Halberstädter Hauptbahnhof, sowie die gesamte Stadt ihren dunkelsten Tag in der Geschichte, einer bis dahin blühenden und stetig wachsenden Stadt. 1944 erlebte Halberstadt den ersten Luftangriff der Alliierten. Während bei diesem Angriff mit einem 16 jährigen Jungen Halberstadt sein erstes ziviles Opfer des Krieges zu beklagen hatte, gab es in den folgenden Monaten 7 weitere Bombardierungen, die überwiegend den Junkers-Werken galten, bei denen weitere 270 Opfer zu beklagen gab. Am 07. April 1945, genau einen Monat vor Kriegsende, starteten Britische Bomber zur  “Operation Sardinie”. Ziel sollte ein Treibstofflager in Leopoldshall, einem Stadtteil von Staßfurt sein. Churchill hatte zuvor den Angriff auf zivile Ziele abgeschworen. Doch der Luftwaffen Admiral Arther Harries  widersetzte sich diesem Befehl und folgte dem Konzept, das Ronald Soundby berweits 1942 entwickelte. Demnach sollte Deutschland dort getroffen werden, wo es am empfindlichsten war. Industriestädte, die  historisch gewachsen waren und überwiegend aus “gut brennbaren” Gebäuden bestanden (Würzburg, Ulm, Tauberbischofsheim, Quedlinburg, Halberstadt  u.a.).

Der 7. April war ein schöner wolkenfreier Frühlingstag.  Neben den Einwohnern befanden sich tausende Flüchtlinge aus Magdeburg, dem Ruhrgebiet und dem nördlichen Thüringen im Stadtgebiet.  Schätzungsweise befanden sich ca. 65.000 Menschen an diesem Tage in der 40.000 Einwohner zählenden Kleinstadt. Die Alliierten befanden sich bereits vor den Toren Goslars und Wernigerodes. Auf Gleis 9 befand sich ein Munitionszug Wehrmacht, während auf dem Nebengleis ein Zug der Heeresführung stand.

Im Morgengrauen starteten vom britischen  Luftwaffen Stützpunkt in Belfort 250 Langstreckenbomber und über 100  Jäger in Richtung Staßfurt. Bombereinheiten flogen über das mittlere Rheinland in das Reichsgebiet ein. Über Fulda änderten sie ihren Kurs in Richtung Harz. Zunächst wurde Halberstadt überflogen, doch kurz vor  Leopoldhall ließ der Luftwaffen Admiral Arther Harries die Maschinen mit Ziel Halberstadt umkehren.

Als in Halberstadt Luftalarm  ausgelöst wurde, stritten die Kommandeure der beiden Züge darüber,  welcher Zug auf die freie Strecke in Richtung Magdeburg ausfahren sollte. Der Kommandeur des Heersleitungszuges setzte mit Waffengewalt seine Interessen durch. Zurück blieb der Munitionszug, der mit einer Luftabwehrflak ausgestattet war.

Als die Bomber nahten, eröffnete die Flak sofort das Feuer. Wenig später wurde sie getroffen. Ebenfalls wurden Wagons getroffen, in denen Minen und Treibstoff gelagert waren. Die Detonationen und Explosionen waren so heftig, dass innerhalb weniger Minuten der gesamte Bahnhof zerstört war.

Empfangsgebäude Halberstadt nach dem Bomenangriff am 07.04.1945    Gleisanlagen Halberstadt nach dem Bomenangriff am 07.04.1945

Auch das nahe gelegene Gasometer wurde von den Bomben getroffen. Die Druckwelle der Explosionen war so heftig, dass selbst in der Innenstadt durch die Druckwellen Häuser stark beschädigt wurde. Selbst das  Flugzeug, dass die Bomben auf den Munitionszug abwarf wurde durch die Druckwelle erfasst und zum Absturz gebracht. Es wurde später in der östlichen Bahnhofsausfahrt in einem tiefen Krater gefunden. An diesem Tag verloren Tausende Menschen in Halberstadt ihr Leben.

Zwei Tage nach diesem Bombenangriff marschierten amerikanische Truppen in Halberstadt ein. Ihr Kommandeur ordnete an, dass sich alle Bahnangestellten unverzüglich bei ihren Dienststellen zu melden haben.  Um Seuchen zu vermeiden ordnete er weiter an, dass alle Leichen zu bergen und begraben sind. Danach sollte der Aufbau der Gleisanlagen beginnen. Am 19. Mai 1945 konnte der erste Zug Halberstadt in Richtung  Westen wieder verlassen. In Richtung Osten konnte am 16. Juni 1945 der Betrieb wieder aufgenommen werden.

Am 1. Juli 1945 änderte sich  das Bild in Halberstadt drastisch. Nun übernahm die Rote Armee die Verwaltung über Halberstadt. Die Strecken in Richtung Westen wurden nur noch bis Stapelburg bedient. Hinter Stapelburg wurde die Strecke entlang der Demarkationslinie gesperrt. Der Ausbau in Richtung Osten nach Aschersleben und Halle/Halle hingegen wurde forciert. Der weitere Aufbau und die Instandsetzung der Betriebsanlagen dauerte bis in das Jahr 1952. Noch bis 1974 wurde das Stellwerk Hr1 notdürftig betrieben.

Empfangsgebäude Halberstadt vor dem Umbau 1950    Empfangsgebäude Halberstadt 1993

EG_Maerz_1968

Im März 1968 sieht man dem Empfangsgebäude deutlich die notdürftige Instandsetzung an. Das stark beschädigte Empfangsgebäude samt Nebengebäuden wurde, nach Übernahme durch die DR, in den 1970er Jahren mit einer Wellblechfassade aus Aluminium gesichert. Spöttisch nannten die Halberstädter ihren  Bahnhof “Sardinen-Dose”. Der Name stand in keinem, bzw. nur zufalligen, Zusammenhang mit der vernichtenden Operation “Sardine”. Viel mehr glich das Wellblech verkleidete Bahnhofsgebäude einer Fischskonserve.

Als ich selbst Halberstadt erstmals 2006 bereiste war noch ein Teil der ”Sardinen-Dose” zu sehen.

EG Halberstadt Gleisseite West 22.06.2008    EG Halberstadt Gleisseite West mit Aufsicht 22.06.2008

EG Halberstadt Gleisseite West 22.06.2008

2005 gab es erste Pläne den Bahnhof zu retten und wieder in seinen Ursprung zu versetzen. Die nachfolgende Zeichnung zeigt den Entwurf des Empfangsgebäudes.

Entwurfs-Zeichnung des EG Halberstadt zur Restaurierung

Nur durch private Investoren gelang es das Projekt durchzusetzen und das Empfangsgebäude unter Denkmalschutz zu stellen. Das Land Sachsen-Anhalt steuerte einen großen Teil der insgesamt 10,2 Mio € teuren Operation bei. Im August 2008 konnte endlich mit den umfangreichen Bauarbeiten begonnen werden. Zunächst wurde der Bahnhofsvorplatz neu gestaltet. Der im Stadtinneren gelegene Busbahnhof wurde an den Haupt- bahnhof verlegt. Ebenso wurde wieder eine Straßenbahnhaltestelle eingerichtet.

Bahnhofsvorplatz 31.07.2010    Bahnhofsvorplatz 31.07.2010

Anschließend wurde das Empfangsgebäude von der blechernen Fassade befreit und fast vollständig entkernt.

Entkernung des Empfangsgebäude Halberstadt    Entkernung des Empfangsgebäude Halberstadt

Entkernung des Empfangsgebäude Halberstadt    Entkernung des Empfangsgebäude Halberstadt

Entkernung des Empfangsgebäude Halberstadt    Entkernung des Empfangsgebäude Halberstadt

Anfang August 2010 präsentierte sich das Gebäude bereits in ansprechender Weise.

EG Halberstadt Hbf im Zustand vom 31.07.2010    EG Halberstadt Hbf im Zustand vom 31.07.2010

EG Halberstadt Hbf im Zustand vom 31.07.2010    EG Halberstadt Hbf im Zustand vom 31.07.2010

EG Halberstadt Hbf im Zustand vom 31.07.2010    EG Halberstadt Hbf im Zustand vom 31.07.2010

Nach genau zweijähriger Bauzeit war das Empfangsgebäude weitestgehend wieder hergestellt und lässt Eindrücke vergangener Zeiten  aufleben. Es ist gelungen das Flair der 1920er Jahre wieder herzustellen und mit modernen Akzenten zu kombinieren. Noch sind nicht alle Arbeiten abgeschlossen, aber das, was heute zu sehen ist, lässt auf einen ansprechenden Bahnhof, der zwar seine Bedeutung verloren hat, jedoch  historisch nicht uninteressant ist, hoffen. Nur zu gerne würde ich persönlich mich freuen, wenn Halberstadt einen Teil seiner ehemaligen Bedeutung zurück erhielt und eines Tages wieder Schnellzüge an seinen Bahnsteigen Halt machen würden.

Nach der Fertigstellung des Empfangsgebäudes konnte ich am 03. Januar 2011 nachfogende Aufnahmen machen.

IMG_7932

IMG_7934  IMG_7944  IMG_7949

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Das Bild Oben zeigtb eine Nachtaufnahme des Empfangsgebäudes vom 05.12.2011.
Eine besondere Ehrung erhielt das Empfangsgebäude am 29. August 2011. Durch den Fahrgastverband ”Allianz pro Schiene” sowie durch Kunden der DB AG wurde der Bahnhof zum “Bahnhof des Jahres 2011” gewählt. Ich selbst war es, die den Bahnhof Halberstadt als erste ins Rennen schickte. In meinem Statement schrieb ich u.a.:

"Während die Reichsbahn das Empfangsgebäude verfallen ließ und den  Betrieb dadurch sicherte, dem einst schönem Gebäude eine Aluminiumhülle  zu verpassen, tat die DB AG nicht wesentlich mehr, um den Bahnhof zu  erhalten. Auf Initiative und durch erhebliche Kraftanstrengung privater Investoren gelang es zwischen 2006 und 2010, den Bahnhof vollständig zu  entkernen und in seinem Ursprung wieder herzustellen. Aufgrund der  Entwicklungen schaffte man es, die alte Architektur mit modernen  Akzenten so zu kombinieren, dass ein harmonisches Bild entstand. Nach  dem Wiederaufbau wurde der Bahnhof 2010 unter Denkmalschutz gestellt und am 15. August 2010 wieder der Öffentlickeit zugänglich gemacht. Von  außen gleicht er nun dem Gebäude von 1910, während er in seinem Inneren  ein modern gestaltetes Ambiente mit Kleingewerbe bietet."

Den vollständigen Text kann man unter Allianz pro Schiene nachlesen. Mehr zur Auszeichnung ist unter Würdigung der Jury nachzulesen.

Soweit möglich, werde ich den Bericht vervollständigen.

Die oben genannten Daten, Fakten, sowie einige Bilder wurden zusammengetragen aus nachfolgenden Quellen:

- Archiv der Bundesrepublik Deutschland
- Archiv des Landes Sachsen-Anhalt, Magedeburg
- Archiv der DB AG Magdeburg
- Kreisarchive Harz-Kreis, Halberstadt,
- Stadtarchiv Halberstadt
- Dokumentarfilm "Operation Sardienen" des Harzer Regional Fernsehns mit Berichten von Zeitzeugen
- "Das Bahnbetriebswerk Halberstadt", Dirk Endisch
- “Harz-Züge - Betriebsgeschichte: Bahnhof Halberstadt”
- diverse Berichte aus "Volksstimme" Lokalausgabe Halberstadt (Tagespresse in Mitteldeutschland)
- persönlich bekannte Zeitzeugen der Jahre ab 1936

Meinen ganz besonderen Dank gilt der Familie Manfred und Brigitte Albrecht aus Halberstadt, die als Kinder bereits die 30iger und 40iger Jahre, so wie die Nachkriegsjahre in Halberstadt erlebten und mir mit vielen Informationen und Bildern wichtige Informationen gaben.