Reichsbahnausbesserungswerk Halberstadt Nachdem am 17. Juli 1843 der erste Halberstädter Bahnhof eröffnet wurde, erwiesen sich schon nach kurzer Zeit seine Anlagen als unzureichend. Das stetig steigende Aufkommen an Personen- und Güterverkehr führte dazu, dass schon bald Bestrebungen für einen neuen und größeren Bahnhof am Stadtrand in Höhe der Wehrstedter Straße vorhanden waren. Im Zuge der Planungen wurde auch der Bau einer Eisenbahnwerkstatt angestrebt. Mit Beginn der Bauarbeiten wurden die beiden Lok-Remisen, die am alten Bahnhof angeschlossen waren, abgerissen. In der Halberstädter Stadtchronik ist im Februar 1868 zu lesen „……Bedeutend ist neu erbaute Werkstatt im kleinen Felde beim Bahnhofe, in welcher Wagen und sonstigen Transportmitteln für die Bahnverwaltung gefertigt werden……“. Das Bild oben zeigt eine Luftaufnahme von 1994.
Neben dem Maschinen- und Reparaturschuppen umfasste diese Werkstätte einen Vorratsraum, eine Schmiede und einen Lokschuppen. Die Gebäude waren so angelegt, dass sie die damals übliche U-Form für Eisenbahnwerkstätten ergab. Für den Antrieb der Maschinen wurden zusätzlich zwei Dampfkessel errichtet. Der rasante Wachstum der Magdeburg-Halberstädter Eisenbahn Gesellschaft und insbesondere die steigenden Anforderungen an den Bahnhof Halberstadt setzten immer neue Akzente für die Entwicklung der Werkstätten in Halberstadt. Da die vorhandenen Werkstätten den Anforderungen nicht mehr genügten wurden zunächst zwei weitere Dampfkessel errichtet um den steigenden Maschinenpark leitungseffizient betreiben zu können. Parallel zu den Arbeiten an den Werkstätten schritt der Bau des neuen Empfangsgebäudes voran. Am 01. August 1868 wurde der neue Bahnhof dem Verkehr übergeben. Mit der Reichsgründung 1871 wurden nach und nach auch die Privatbahnen in die neugegründete Preußische Staatsbahn integriert. Am 20. Dezember 1879 wurde so aus der Eisenbahnwerkstatt der Magdeburg-Haberstädter Eisenbahn Gesellschaft die neue „Könglich-Preußische Hauptwerkstatt“. 1872 wurde durch den Bau der Strecken Halle/Saale-Halberstadt und Halberstadt-Wernigerode die Anbindung an nahezu allen wesentlichen Hauptlinien der Deutschen Bahnverwaltungen hergestellt. Dies führte zu einem weiteren rasanten Anstieg der Leistungen im Bahnhof Halberstadt, der sich zu einem wichtigen und strategischen Bahnknoten, sowohl für wirtschaftliche wie auch für militärische Zwecke, entwickelte. Nachdem am 14. August 1874 die im Fachwerkstil errichtete Wagenwerkstatt niederbrannte, wurde diese in Ziegelbauweise bis Ende 1875 auf den ursprünglichen Fundamenten wieder aufgebaut. Durch den Erlass der „Allgemeinen Grundzüge für die Konstruktion der Gepäck und Güterwagen“ im Jahre 1878 wurden einheitliche Normen für den Bauwagen geschaffen. 1884 wurden auf Basis dieser Verordnungen erstmals 2- und 3-achsige Wagen in den Halberstädter Werkstätten gebaut. 1896 wurde dann der Bau einer Reparaturwerkstatt für Tender genehmigt. 1910 wurde dann das neue Kesselhaus II und 1914 wurde die neue Kesselschmiede in Betrieb genommen.
Nach Ende des ersten Weltkrieges und während der großen Weltwirtschaftskrise Anfang der 30er Jahre des vorigen Jahrhunderts wurde auch das Ausbesserungswerk Halberstadt nicht von den Folgen verschont. Anfang 1930 zählte Halberstadt knapp 48.500 Einwohner, von denen rund 11.000 ohne Arbeit waren. Die in den letzten Vorkriegsjahren zu einem wichtigen Wirtschaftsunternehmen herangewachsenen Werkstätten wurden von der Krise so sehr getroffen, dass im Mai 1932 die vollständige Schließung des Reichsbahnausbesserungswerks verfügt wurde. Nun standen auch die 700 hier beschäftigten Reichsbahner ohne Lohn und Arbeit da. Sämtliche Maschinen und Ausrüstungen wurden demontiert und an andere Werkstädte überstellt. Am 30. Mai 1932 schloss das RAW seine Pforten. Nun waren auch die verbliebenen 30 Arbeiter, die die Demontagen durchführten, arbeitslos. Nachdem die Nationalsozialisten die Macht übernommen hatten, wirkt sich dies zunächst auch auf Halberstadt positiv aus. Da in Halberstadt u.a. auch die Junkers Werke für die Nationalsozialisten wichtig waren, gewann der Bahnhof schnell wieder an Bedeutung. Dies führte natürlich auch zu einer erneuten Steigerung des Ver- kehrsaufkommens am Bahnhof. Es mussten wieder mehr Lokomotiven und Züge gewartet werden. In der Folge erfolgte 1934 die erneute Eröffnung der nun als „Bauzugwerkstatt der Deutschen Reichsbahn“ bezeichneten Werkstätte. Mit Beginn des zweiten Weltkrieges wurde klar, was mit der Neueröffnung bezweckt wurde. Anfangs wurden Güterwagen zu Mannschafts- und Gerätewagen für Bauzüge umgebaut. Doch ließ die Masse an Um- bauten Fragen aufkommen, da für eine solche Masse an Bauwagen eigentlich kein Bedarf vorhanden war. Als der Krieg dann ausbrach wurden diese Bauwagen schnell zu Mannschafts- und Lazarettfahrzeugen für die Wehrmacht umgebaut. Als sich dann zusätzlich steigende Verluste an Lokomotiven und Wagen einstellten, wurde in Halberstadt die Kesselschmiede für Dampflok-Reparaturen wieder in Betrieb genommen. Als Zweigstelle des RAW´s Braunschweig wurden nun auch Dampfloks in Halberstadt instand gesetzt. Nach den ersten großen Angriffswellen alliierter Bomber am 11. und 22. Februar 1945 wurde erstmals auch das Gelände des Bahnhofs getroffen. Da aus strategisch wichtigen Gründen der Verkehr schnell wieder aufge- nommen werden musste, verlegte die SS ein Kommando Häftlinge aus der Außenstelle Langenstein-Zwieberge des KZ Buchenwald in die Turnhalle der Bauzugwerkstatt. Unter den widerlichsten Bedingungen mussten die Häft- linge unter unmenschlichen Behandlungen die Gleisan- lagen wieder herstellen. Unter diesen Bedingungen verstarben 126 Häftlinge während ihres Einsatzes am Bahnhof. Am 08. April 1945 erlebten die Bahnanlagen und vor allem die gesamte Stadt den schwärzesten Tag in der Geschichte Halberstadts. Binnen 30 Minuten wurde Halberstadt und die gesamten Bahnanlagen in Schutt und Asche gelegt. Am Tag zuvor waren schon große Teile des Bahnhofs Ziel amerikanischer Jagdbomber. Bereits bei diesem Angriff wurde der Hauptbahnhof bis östlichen Rangieranlage schwer beschädigt. Am 11. April 1945 besetzten amerikanische Truppen Halberstadt.
Wenige Tage nach der Besetzung Halberstadt erschienen, nach dem Aufruf des amerikanischen Kommandeurs 220 ehemalige Bedienstete des Bauzugwerkes und der Lok-Abteilungen auf dem Betriebsgelände. Auf Weisung der Besatzer begannen sie mit den Aufräumarbeiten, die sich aufgrund zerstörter und fehlender Ausrüstungen als sehr schwierig erwiesen. Wegen Querelen zwischen dem Mutterwerk in Braunschweig und der Bauzugwerk- statt wurde, mit Wirkung zum 21. Juni 1945, die bisherige Abteilung Kesselschmiede des RAW Braunschweig und die Bauzugwerkstatt zum selbstständigen Reichsbahn Ausbesserungs- werk umgebildet. Zwischenzeitlich hatten englische Truppen das Oberkommando über Halberstadt erhalten. Am 01. Juli 1945 übergab der befehlshabende Offizier dem Vertreter der Sowjet-Armee das Kommando. Da die neuen Machthaber sehr an den Wiederaufbau der Eisenbahn-Infrastruktur interessiert waren, trieben sie besonders den Wiederaufbau der Bahnanlagen in Richtung Osten stark an. Mit Befehl Nr. 8 vom 11. August 1945 übergab die Sowjetische Militäradministration in Deutschland (SMAD) am 01. September 1945 den Eisenbahnverkehr an die deutschen Eisenbahner. Ab diesem Zeitpunkt wurden auch die Aufräumarbeiten und der Wiederaufbau des RAW Halberstadt verstärkt vorangetrieben. Bereits Ende Juli 1945 hatte die erste wiederhergestellte Lokomotive Halberstadt in Richtung Osten verlassen. Am 28. August 1945 konnte zunächst die Ausbesserung von Güterwagen aufgenommen werden. Am 19. November erfolgte dann auch die Aufnahme der Ausbesserung von Reisezugwagen.
Am 17. Dezember 1945 wurde zunächst ein sowjetischer Werkskommandant eingesetz, der jedoch bereits Ende 1946 überflüssig wurde, da das RAW in einen volkseigenen Betrieb umgewandelt wurde. Bis zum 01. Mai 1946 waren die größten Schuttmassen abtransportiert bzw. das Betriebsgelände davon befreit worden. In Dieser Zeit erhöhte sich auch die Belegschaft sehr drastisch auf insgesamt 886 Betriebsangehörige. Während in der Wagenhalle monatlich bis zu 30 Wagen ausgebessert wurden, erfuhren durchschnittlich 20 Loks pro Monat Reparaturen und Instandsetzungen. Da die Anforderungen immer größer wurden, wurde nun auch der Wiederaufbau der Kesselschmiede und der Dreherei verstärkt voran getrieben. Um die Arbeitsbedingungen und Versorgung der Beschäftigten zu verbessern, wurde u.a. ein betriebseigener Schweinestall unterhalten. Mit den dort gemästeten Schweine sollten die zu geringen Fleischrationen (50 Gramm pro Mitarbeiter) verbessert werden. Da es noch an vielen Materialien fehlte, wurden Normteile und wenig beschädigte Maschinenteile aus den Trümmern geborgen und regeneriert. Hierzu wurde eine spezielle Entrostungsabteilung eingerichtet. Fehlendes Werkzeug brachten viele Beschäftigte aus ihrem privaten Besitz mit, um überhaupt Arbeiten ausführen zu können. Im Februar 1946 wurde eine zweite Arbeitsschicht in der Dreherei und Radsatzschmiede eingeführt. Am 07. Januar 1947 fielen die Lehrwerkstatt sowie die Kraftwagenwerkstatt einem Feuer zum Opfer, doch bereits Ende 1947 konnte der Lehrbetrieb wieder aufgenommen werden. Um eine Steigerung der Leistungsfähigkeit der Ausbesserungswerke zu erreichen, mussten neue Methoden bei der Instandsetzung her. So begann man bereits Mitte 1947 die Ausbesserungswerke in der Sowjetischen Besatzungszone zu spezialisieren. Im Zuge dieser Maßnahmen wurde das RAW Halberstadt auf die Ausbesserung von Lokomotiven und 2- und 3 achsige Personenwagen umgestellt. Mit Gründung der Deutschen Demokratischen Republik (DDR) am 07. Oktober 1949 wurde auch das Eisenbahnverkehrswesen Deutschlands geteilt. Während sich im Westen die Deutsche Bundesbahn (DB) gründete, wurde in der DDR der alte Name „Deutsche Reichsbahn (DR)“ beibehalten. Fortan betrieben beide Bahnverwaltungen eigenständig und unabhängig voneinander die Weiterentwicklung des Eisenbahnwesens im nun geteilten Deutschland. Der Wiederaufbau des RAW Halberstadt erfolgte im Wesentlichen seinen alten Grundrissen statt und wurde weitestgehend Ende 1949 abgeschlossen. Zur Sicherstellung eines hoch qualifizierten Nachwuchses an Facharbeitern wurden in der Lehrwerkstatt drei Unterrichtsräume ausgebaut und eingerichtet. Damit auch Frauen mit Kleinkindern arbeiten konnten wurde am 01. Dezember 1949 ein betriebseigener Kindergarten eröffnet.
Aufgrund der hervorragenden Qualitätsarbeit an den zu reparierenden Reisezugwagen und Lokkesseln wurden dem RAW Halberstadt nun auch Exportaufträge für Polen erteilt. Ebenso erhielt man 1954 einen Sonderauftrag. Aus alten Akkumulatortriebwageneinheiten sollten neue Reisezug- wagen in Holzbauweise ( Gattung C3i)gebaut werden. Bereits Ende 1954 verließen die ersten 8 Wagen das Werk in Halberstadt. In den folgenden Jahren gab es dann die Entwicklung, die das RAW Halberstadt in Ost und West einen hohen Bekanntheits- grad unter Eisenbahnern und Eisenbahnfreunden einbrachte. Den Anforderungen an moderne Reisezugwagen konnten die veralteten Wagen nicht mehr standhalten. Aufgrund dieser Erkenntnis erhielt das RAW Halberstadt gemeinsam mit der Reichsbahn Versuchs- und Entwicklungsstelle in Delitzsch in den Jahren 1956/1957 den Auftrag zum Umbau der 2- und 3-achsigen Cd-Wagen. Diese Wagen verfügten ursprünglich über 8 bzw 12 Türen. Dieser Auftrag kann durchaus als die Geburtsstunde der „Halberstädter“-Reisezugwagen betrachtet werden. Unter der Verwendung der Untergestelle, Bremsen und Laufwerke wurden dann die Einheitsreise- zugwagen konzipiert. Ursprünglich sollten 40 dieser Reko-Wagen gebaut werden. Da jedoch die Herstellung dieser Wagen neben dem noch laufenden Reparaturprogramm erfolgen sollte, stieß man technologisch und kapazitätsmäßig an seine Grenzen. 1958 konnten daher nur 12 der ursprünglich geplanten 40 Reko-Wagen ausgeliefert werden. 1962 wurde das Programm der Reko-Wagen durch Post-und Packwagen ergänzt, die ebenfalls im RAW Halberstadt produziert wurden.
Der Komfort des Reisens wurde noch weiter durch 18,7m langen Reisezugwagen erhöht, die auf Basis Dreh- gestellwagen aus der Länderbahnzeit aufgebaut wurden. Bei diesem Reko-Konzept sollten die amerikanischen Schwanenhalsdrehgestelle aufgearbeitet und die Trägergruppen der alten Wagen wiederverwendet werden. Da die Baugruppen jedoch in einem sehr schlechten Zustand waren, konnte dieses Vorhaben nicht weiterverfolgt werden. Stattdessen konzipierte man 4-achsige Reisezugwagen der 2. Klasse der Gattung Bghwe mit der Gattungsnummer 260. Am 30. Juni 1965 verließ der letzte Reko-Wagen das RAW Halberstadt. Noch im Jahre 1964 wurde damit begonnen auf Basis dieser Reko-Wagen neue Reisezugwagen der gleichen Gattung in Serie zu produzieren. Bis 1977 wurden insgesamt 3030 Wagen der Gattung 260 produziert. Später wurden noch Mitropa-Speisewagen und Gepäckwagen mit Sitzabteilen auf der gleichen Basis produziert. Am 12. September 1970 wurde im RAW Halberstadt der Grundstein für eine neue Mehrzweckhalle sowie weiteren baulichen Erweiterungen gelegt. Diese Maßnahmen, die u.a. den Bau zwei neuer Schiebebühnen für 26,4m lange Reisezugwagen enthielt, wurde nötig um den Aufgaben durch neue Aufträge gewachsen zu sein. Unter anderem wurden zwischen 1971 und 1974 42 Schneepflüge der Bauart Meiningen nun auch in Halberstadt produziert. Zwischen 1974 und 1989 wurden nun in Halberstadt 26,4 m lange Reisezugwagen mit Mittelgang und mit Seitengang in Serie produziert. 
Nach der Öffnung der innerdeutschen Grenze kamen erneut neue Aufgaben auf das RAW Halberstadt zu. Das Know-How und die technischen Einrichtungen wurden nun für das umfangreiche Regio-Beschaffungs- programm genutzt. Einer der letzten Aufträge des DB Spezialwerkes Halberstadt bestand 1999 in der Produktion neuer Treibwagen für die Harzer Schmalspurbahnen. Jedoch kamen nur die 4 Treibwagen 187 016 – 187 019 zur Auslieferung.
Am 21. März 2002 wurde das Spezialwerk durch den Zeppenfeld Konzern von der DB AG übernommen und mit samt der 300 Mitarbeitern in die Verkehrs Industrie Systeme GmbH (VIS Halberstadt) überführt. Als das Unternehmen 2005 kurz vor dem Aus war, wurde es durch einen sehr lukrativen Auftrag gerettet. In Zusammenarbeit mit Alstom LHB wurde in Halberstadt die Endmontage der Triebwagen des Typs LINT 27 und LINT 41 für den Harz-Elbe-Express (HEX) der Veolia Verkehr Sachsen-Anhalt GmbH durchgeführt. Mit den zur Zeit 160 Mitarbeitern werden heute Fahr- zeugteile für Niederflur Straßenbahnen produziert sowie Rekonstruktionen von Reisezugwagen durchgeführt. Auch besteht mit der Veolia ein Dienstleistungsvertrag zur Wartung und Pflege der HEX-Triebwagen. Seit Herbst 2011 befinden sich hier auch drei komplette Einheiten des ET 403, die zum Zwecke einer möglichen Rekonstruktion überprüft werden. 


Die oben genannten Daten, Fakten, sowie einige Bilder wurden zusammengetragen aus nachfolgenden Quellen: - Stadtarchiv Halberstadt - Archiv der DB AG Magdeburg „Das Bahnbetriebswerk Halberstadt“, Dirk Endisch - Broschüre „Ausbesserungswerk Halberstadt“,Herausgeber: RAW Halberstadt, 1993 - „Abfahrt und Ankunft – Mit Volldampf durch die Geschichte des Halberstädter Dahnhofs (1843-2010)“, NOSA GmbH Halberstadt - Dokumentarfilm "Operation Sardienen" des Harzer Regional Fernsehns mit Berichten von Zeitzeugen - persönlich bekannte Zeitzeugen der Jahre ab 1936
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